Glossar – Kommunikationsforschung

Das Glossar enthält einige wissenschaftliche Begriffe der empirischen und theoretischen Kommunikationsforschung.
Ein hilfreiches Nachschlagewerk speziell für Begriffe aus dem Bereich Evaluation gibt es hier.

Interaktion, direkteInteraktion, symbolisch vermittelteKommunikationTatsächliches EreignisDokumentTranskript

 
Interaktion, direkte

Ein Beispiel für eine einfache und erfolgreiche Interaktion ist eine richtungsweisende Interaktion im Straßenverkehr. Nehmen wir an, es hat ein Unfall stattgefunden. Jemand wird sich mit etwas Abstand vor die Unfallstelle platzieren und den heranfahrenden Autos warnende Handzeichen geben, um sie um den Unfall herum zu lenken. Deuten die heranfahrenden Autos die Handzeichen richtig und umfahren die Unfallstelle, hat erfolgreich eine direkte Interaktion stattgefunden. In dieser Interaktion braucht es lediglich einen Handlungsschritt bis zur erwünschten Handlungsbeeinflussung beim Autofahrer:
Warnende Handzeichen/deren Deutung als Warnung > Umlenkung des Wagens.

Kommunikation = Symbolisch vermittelte Interaktion

Interaktion vollzieht sich als direkte Interaktion oder in einem länger andauernden Prozess. Wenn soziale Interaktion mehr als einen Handlungsschritt benötigt, sprechen wir von symbolisch vermittelter Interaktion oder Kommunikation. Kommunikation ist also eine Form oder Spezies von Interaktion und ihr kategorial untergeordnet. Kommunikation ist als Abfolge unzähliger kleiner Handlungsschritte und Handlungen zu verstehen und findet oft in Form von Gesprächen statt. Wie die Abfolge von Handlungsschritten im Gespräch aussieht steht genau genommen zu keinem Zeitpunkt fest, sondern wird von allen Interaktionsbeteiligten in jedem Moment neu gestaltet. Jedoch gibt es mehr oder weniger stark standardisierte Kommunikation.
Ein Beispiel für stark standardisierte Kommunikation ist ein Vorstellungsgespräch. Hier ist allen der grobe Ablauf des Gesprächs bekannt. Die Beteiligten treffen sich, um sich ein Bild darüber zu machen, ob das Profil einer vakanten Stelle und der Kandidat zusammen passen. Dies ist der Zweck eines Vorstellungsgesprächs. Jetzt kommt es darauf an, ob zum einen die sachlichen Komponenten (Arbeitszeit, Arbeitsplatzbedingungen, Bezahlung, Fachkompetenzen, Berufserfahrung, Persönlichkeitsmerkmale) aus Sicht des jeweils anderen erwünscht sind. Zum anderen aber ist die Art, wie die Parteien das Gespräch gestalten, bedeutsam für das Ergebnis (halten sie Augenkontakt oder weicht jemand aus, werden interessierte Fragen gestellt oder oberflächlich weitergeredet, werden Beschreibungen einfach abgenickt oder werden Anregungen geäußert die den anderen auf neue Ideen bringen und das Gespräch womöglich in eine neue Richtung lenken, …). Alle Beteiligten haben in der kommunikativen Gestaltung Spielraum, das Gespräch in die ein oder andere Richtung zu lenken. Die erwünschte Handlungsbeeinflussung beim Partner besteht idealerweise bei den Beteiligten darin, dem jeweils anderen ein authentisches Bild von sich bzw. der Stelle zu vermitteln und den anderen dazu anzuregen, sein Bild authentisch zu vermitteln um selber eine gute Entscheidungsgrundlage zu bekommen. Dass heutzutage der Kandidat oft kritikfrei den Arbeitsgeber nur dahingehend zu beeinflussen wünscht, ihn einzustellen, bringt den Kandidaten selbst in eine Defensive, durch die das Gespräch beeinflusst ist. Die Ursachen hierfür liegen allerdings nicht im Gespräch selbst, sondern im wirtschaftlich-gesellschaftlichen Kontext. Die Situation wäre schnell umgekehrt, wenn plötzlich mehr Jobs als Kandidaten auf dem Markt wären.
Nun ein Beispiel für eine sehr gering strukturierte Kommunikation:
Treffen sich zwei beim Bäcker und verlieben sich auf den ersten Blick. Es gibt in diesem Moment des Sehens und Verliebens nicht, wie beim Vorstellungsgespräch, einen Gesprächszweck, der beiden bekannt ist und weswegen das Gespräch beginnt. Es existieren auch keine Gesprächsstandards, nach denen ein jetzt startendes Gespräch ablaufen könnte. Es gibt noch nicht mal ein geteiltes Motiv, um überhaupt ins Gespräch zu kommen. Niemand kann erwarten oder unterstellen, dass der andere überhaupt wünscht, miteinander zu sprechen. Zweck, Motiv, Form für den Gesprächsablauf, Erwartungen beim anderen wecken, – All dies muss aus dem Nichts geschaffen werden und zwar sofort, denn sonst ist dieser günstige Moment vorbei und die wichtige Person vielleicht für immer verschwunden.
Wie gelingt es? Die zwei setzen nun ihre verfügbaren Kommunikationsmittel (Gestik, Mimik, Postur) ein, um aus dem Nichts eine Gesprächsvoraussetzung zu schaffen. Jeder noch so kleine Handlungsschritt, jeder Blick, jede Hin- oder Abwendung, jede Handbewegung ist in diesen Sekunden hochbedeutsam. Ihre Bedeutung liegt darin, wie sie vom jeweils anderen gedeutet wird, letztendlich liegt sie darin, ob sie vom anderen in der erwünschten Weise gedeutet wird. Alle Anwesenden, also auch die Brotverkäuferin und andere Kunden, sind an diesem Prozess beteiligt und gestalten oder regulieren ihn allein durch ihre Anwesenheit, durch Zuhören oder eigene Gesprächsbeiträge mit.
Innerhalb kürzester Zeit und vielleicht noch bevor das erste Wort aneinander gerichtet wird, haben die zwei sich durch eine gemeinsame Komposition von Bedeutung und Deutung eine wichtige Voraussetzung geschaffen. Sie können es nun wagen, eine Gesprächsbereitschaft beim anderen zu erwarten.

Eine weitere Voraussetzung für das Gelingen von Kommunikation ist die Beherrschung eines geteilten Mediums, beispielsweise die Beherrschung einer gemeinsamen Sprache. Die beiden beim Bäcker können aufgrund der Rahmenbedingungen, in denen sie sich befinden, relativ sicher erwarten, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Mit dem Einsatz von Sprache wird die Kommunikation anspruchsvoller. Jetzt gilt es, sich gegenseitig so zu steuern, dass erwünschte Handlungsbeeinflussungen (Sympathie füreinander entwickeln, sich im Gespräch wohl fühlen, Interesse an der Fortsetzung des Gesprächs aufbringen) gelingen.

Tatsächliches Ereignis

In der empirischen Kommunikationsforschung gilt als das tatsächliche Ereignis der ursprüngliche, originäre Kommunikationsprozess. Das tatsächliche Ereignis ist einmalig und vollkommen authentisch, es ist der Kommunikationsprozess in dem Moment, in dem er stattfindet. Er ist noch keinem Zustand wissenschaftlicher Betrachtung unterworfen. Das Interesse des Forschers auf dieses Ereignis unterwirft es einer ersten, theoretischen Kategorisierung. Das heißt, der Forscher erkennt an diesem Ereignis Aspekte, die es aus dem Gros aller natürlichen Kommunikationsereignisse herausheben. Ist ein Forscher beispielsweise an „Flirtkommunikation“ interessiert, hebt er Ereignisse wie jenes beim Bäcker hervor und lässt Unternehmenskommunikation beiseite. Wenn ein tatsächliches Ereignis aufgezeichnet wird, so wird es zum Dokument.
(Zur Vertiefung: Wirtz 2014, S. 73-76 und 227 ff)

Dokument

In der empirischen Kommunikationsforschung wird zwischen tatsächlichem Ereignis und Dokument unterschieden.
Es gibt Situationen, in denen tatsächliche Ereignisse sich selbst dokumentieren. Ein Beispiel hierfür ist das tatsächliche Ereignis „Chat“, das durch ein automatisch speicherndes Chatprotokoll dokumentiert wird. Ereignisse können auch unbemerkt oder zufällig dokumentiert werden. Beispiele hierfür sind Dokumentationen von Geschehnissen in öffentlichen Räumen durch Überwachungskameras oder private Videoaufnahmen.
In der empirischen Forschung werden „Dokumente“ tatsächlicher Ereignisse durch den Einsatz von Aufzeichnungsinstrumenten zweckgebunden erzeugt. Gängige Aufzeichnungsinstrumente sind Videokameras, Kugelschreiber und Papier, Mikrofon und Tonträger, Smartphones oder Computer. Das tatsächliche Ereignis wird durch seine Dokumentation einer Reduktion unterworfen. Damit ist gemeint, dass die Echtheit und Ganzheit des Ereignisses unwiderruflich beschnitten ist.
Nur durch die Dokumentation kann ein Ereignis objektivierbar und für wissenschaftliche Zwecke nutzbar gemacht werden. Das Dokument einer Videokonferenzkommunikation ist ihr audiovisueller Mitschnitt. Das Dokument eines Interviews ist seine Audio- oder Videoaufzeichnung, möglicherweise auch sein schriftliches oder digitales Protokoll. Das Dokument der o.g. beispielhaften Flirtkommunikation wäre eine Videoaufzeichnung der Kommunikation in der Bäckerei, wozu unbedingt alle Anwesenden gehören, nicht nur diejenigen, die gerade sprechen, sondern auch diejenigen, die (zu)hören.
Dokumente, zufällig entstanden oder zweckgebunden erzeugt, welche im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung verwendet werden, werden auch als „Material“ bezeichnet.
(Zur Vertiefung: Wirtz 2014, S. 73-76 und 227 ff)

Transkript

In der empirischen Kommunikationsforschung werden Dokumente transkribiert. Das Dokument eines tatsächlichen Ereignisses (für den Kommunikationsforscher wäre es z.B. das Dokument der Interaktion beim Bäcker im o.g. Beispiel) lässt sich zu Analysezwecken durch die Transkription in eine neue Abstraktionsform bringen. Die neue Abstraktionsform heißt „Transkript“. Hierzu wird ein Transkriptionssystem verwendet. Es basiert auf Regeln und Definitionen von (Teil-)ereigniskategorien, die jeweils einem Symbol zugeordnet sind, welches notiert wird. In Transkriptionssystemen kann zum Beispiel festgelegt sein: „schlägt die Beine übereinander“ = „%“ oder „verschluckt die letzte gesprochene Silbe“ = „ …] “.
Unter Transkription ist die Anwendung eines zuvor festgelegten Transkriptionssystems auf das Dokument zu verstehen, und (erst) hierdurch werden die Daten konstituiert, die in ihrer Gesamtheit das Transkript ausmachen. Im Prozess des Transkribierens wird das Dokument einer weiteren Bearbeitung unterzogen, die ihrerseits dem Fokus des Transkribenten untersteht und die weitere Reduktionen und Modifikationen des tatsächlichen Ereignisses und dessen Dokuments mit sich führt. Das fertige Transkript mitsamt all jenen Arbeitsprozessen und Modifikationen ist schließlich der Gegenstand der Analyse.
Falsch wäre, ein Transkript gleichzusetzen mit der Menge der Daten, die einer Untersuchung zugrunde gelegt werden.
(zur Vertiefung: Wirtz 2014, S. 73-76 und 227 ff)