Interaktionsforschung im Institut

Im Institut für Interaktionsanalysen wird Forschung in den Bereichen Gesundheit & Medizin, sowie Bildung, Integration und Personal betrieben.
Gegenstände der Forschung sind Interpersonale Kommunikation und Interaktionsstrukturen.
Ein Wahlschwerpunkt ist das Gesundheitswesen, im Besonderen die sozialen Felder Klinik, Onkologie und Palliativmedizin.

Forschung im Gesundheitswesen

Experten im Gesundheitswesen tragen in ihrem Beruf eine enorme fachliche und kommunikative Verantwortung. Die Ausbildung zum Gesundheitsexperten im deutschsprachigen Raum, sei es die pflegerische, therapeutische oder medizinische, ist im internationalen Vergleich von sehr guter Qualität.

Ausgebildete Pfleger, Therapeuten oder Ärzte beherrschen, wenn sie ausgebildet sind, ein äußerst solides und umfangreiches Repertoire beruflicher Techniken. Wenn Gesundheitsexperten ihr Handwerk konkret am Patienten umsetzen möchten und müssen, kommen sie an einer Aufgabe nicht vorbei, wenn sie nicht gerade mit Apallikern oder anderen Komapatienten arbeiten, – an zwischenmenschlicher Kommunikation.

Die Technik zum Beispiel, unter sterilen Bedingungen einen Blasenkatheter zu legen, kann eine Krankenschwester sehr gut beherrschen. Aber die Situation lässt es oft nicht zu, die Technik so umzusetzen, wie sie es erlernt hat und beherrscht. Beispielsweise, wenn sie als Nachtschwester einer traumatisierten Patientin einen Blasenkatheter legen muss, die sich vor Angst ganz steif macht. Diese Situationen kann sie nur kommunikativ lösen.

Ein weiteres Beispiel ist das Diagnoseeröffnungsgespräch zwischen Onkologe und Patient. Der Arzt hat die Aufgabe, dem Patienten eine unheilvolle Diagnose mitzuteilen. Gleich in diesem Gespräch, direkt am Anfang der gerade beginnenden langen Arzt-Patienten-Beziehung, gibt es eine Reihe kritischer kommunikationsstruktureller Merkmale. Beim onkologischen Patienten löst die Diagnose „Krebs“ in der Regel Schreck, Schock und Angst aus, die er oft spontan mit Abwehr zu bewältigen sucht. Der Arzt ist aus Sicht des Patienten gleichzeitig Überbringer der angstauslösenden Nachricht und Heilbringender. Während der Arzt seinerseits einen Heilungsplan verfolgen wird und als Experte mit den anstehenden Behandlungen schon vertraut ist, steht der Patient erst ganz am Anfang einer langen Erfahrungskette. In dieser unübersichtlichen Kommunikationssituation muss der Arzt abwägen, wie viel Aufklärung er dem Patienten jetzt sofort oder später zumutet.

Forschungsmethoden

Die empirische Kommunikationsforschung ist von ihrem fachlichen Selbstverständnis her eine Forschung, die die Perspektiven aller Teilnehmer rekonstruiert. Das bedeutet, ein kommunikatives Geschehen wird untersucht, indem Ziele und Zwecke aller Beteiligten empirisch nachgezeichnet und analytisch miteinander in Bezug gesetzt werden.

Interaktionsanalysen bauen darauf, Interaktionsstrukturen im zu untersuchenden Geschehen selbst, also beispielsweise in der Klinik oder im Hospiz aus teilnehmender Perspektive zu analysieren.

Für Interaktionsanalysen werden qualitative sozialwissenschaftliche Methoden verwendet, beispielsweise:

  • teilnehmende Beobachtung im Feld
  • ethnografische Erhebungen
  • offene Interviews
  • narrative Interviews
  • Auswertung von Dokumenten mit der multimodalen Interaktionsanalyse

Beispiel für Kommunikationsforschung in der Klinik

Im Rahmen des Modellforschungsprojekts „Telekommunikation für Kinder im Krankenhaus mit Eltern, Lehrern und Freunden“ wurde mit Hilfe einer Gruppe isolierter, krebskranker Kinder und ihren Angehörigen auf der Station für Knochenmarktransplantation am Universitätsklinikum Essen ein Modell für Videokonferenzen entwickelt. Das Modell wurde so gestaltet, dass es in die verzwickte räumliche Situation der Isoliereinheit integrierbar und für die vielseitigen Kommunikationsbedürfnisse kranker Kinder einsetzbar ist. Kinder unterhalten sich via Skype-Video ja nicht nur sitzend vor dem Standrechner, sondern sie liegen im oder sitzen am Bett, spielen mit verstellter Stimme, flüstern oder schweigen, sie lachen und streiten mit ihren Geschwistern, nehmen die Webkamera in die Hand, die Kinder unserer Gruppe brauchten auch Trost und Beistand – alles über Videokonferenz.

2 FreundeWir sehen auf dem Bild:
Der schwerkranke Alex spielt über Skype mit seinem Freund Christian, der täglich Zeit für ihn hat.

Das Projekt lief 39 Monate und endete 2009. Nach erfolgreichem Projektabschluss hat unsere kommunikationswissenschaftliche Forschergruppe eine Reihe qualitativer Studien an das Modellprojekt angeknüpft. Deren Besonderheit beruht zum einen darauf, dass Kommunikationswissenschaftler die Interaktionsstrukturen in der onkologischen Klinik aus Teilnehmerperspektive analysierten. Sie beruht zum anderen auf der intensiven Nähe, die wir Forscher zu den krebskranken Kindern und ihren Familien einnehmen durften. Für alle Familien war ja der mehrmonatige Aufenthalt im Isolationsraum der Höhepunkt einer quälenden Odyssee auf onkologischen Stationen, für einige war es auch die Phase des Abschiednehmens, die wir kommunikationswissenschaftlich begleiten durften.

Gegenstand der qualitativen Fallstudien sind die äußerst heterogenen Interaktionen im Sozialfeld „Onkologische Klinik“ (bspw. Patient/Krankenschwester; isolierter Patient/Geschwister zuhause; Arbeitsplatz KMT-Station). In der Sozialwissenschaft existieren kaum Studien, die auf einer so intensiven Sozialbegleitung basieren.

TelekommunikationDie Studien dieses Projekts sind im Sammelband „Telekommunikation gegen Isolation“  (Loenhoff, Schmitz 2015) im Springer VS veröffentlicht.